EINE ENTDECKUNG: KLAVIERMUSIK VON ANTON URSPRUCH
Die wenigsten Klassikhörer werden Anton Urspruch kennen, im Konzertleben ist er nicht präsent, Aufnahmen gibt es nur wenige, dabei ist seine spätromantische Musik sehr eingängig und von einigem Reiz. Diese CD-Box aus dem Jahr 2017 ist auf jeden Fall eine Entdeckung! Der Klaviervirtuose wurde 1850 in Frankfurt geboren, wo er 1907 auch starb. In dieser Stadt wurde er schon in jungen Jahren ein Musikdozent, am Hoch´schen Konservatorium. Er war ein großer Verehrer von Franz Liszt, der den jüngeren Kollegen unter seine Fittiche nahm. Im Booklet wird ein Brief Urspruchs aus dem Mai 1871 zitiert: „Meine Compositionen haben ihm [Liszt] ganz außerordentlich zugesagt.“
Jetzt hat Ana-Marija Markovina Urspruchs Gesamtwerk für Klavier solo eingespielt, gewiss kein einfaches Unterfangen, denn Urspruchs Musik ist höchst anspruchsvoll, es gibt Passagen, die fast unspielbar sind. Ein Bezugspunkt fällt schnell auf. Urspruch knüpft unüberhörbar an Robert Schumann an, der 1810, also vierzig Jahre vor Urspruch, geboren wurde. Es gibt auch Wendungen, die nach Frédéric Chopin, Johannes Brahms oder sogar Max Reger klingen. Gleichwohl besitzt diese Musik oft eine eigene Note, Ana-Marija Markovina versteht das herauszuarbeiten. Sie ist eine hoch sensible Pianistin. Die 1970 in Kroatien geborene Musikerin hat einen Sinn für das Introvertierte. Das erste Stück der CD, das erste Fantasiestück aus opus 2, hat etwas Minimalistisches. Schon der Name „Fantasiestücke“ verweist auf Schumann. Allerdings sind Urspruchs Fantasiestücke deutlich länger, das erste und fünfte aus Op. 2 dauern jeweils fast 14 Minuten.
Viel Schumann steckt im vierten, vollgriffigen Fantasiestück. Markovina spielt das geradezu hymnisch. Ihr Fortissimo kann kraftvoll sein, ist aber nie grob. Beim fünften und letzten Fantasiestück scheint ein Hauch Rachmaninow ins Spiel zu kommen.
Die zweite CD enthält „Deutsche Tänze“, sehr reizvoll. Sie erklingen delikat. Auch hier hört man die Sensibilität der Pianistin. Engagiert setzt sie sich für diesen vergessenen Komponisten ein. Dass er sein Handwerk versteht, zeigen die Variationen op. 10. Zu seinem aparten Thema fällt ihm viel ein.
Das Finale der dritten und letzten CD ist ein kleines Spektakel: Präludium und Capriccio op. 22. Wie ein Wirbelwind fegt die Pianistin durch das Präludium, das klingt sehr motorisch, aber nie ungestüm. Im wirkungsvollen Capriccio scheint sich Urspruch vor seinem großen Förderer Liszt zu verneigen.
Urspruch ist gewiss kein Schumann und kein Brahms. Er hat kein neues Kapitel der Musikgeschichte aufgeschlagen. Aber er hat ihr etwas hinzugefügt. Seine Musik ist sehr gut gemacht und oft sogar inspiriert. Bei jedem Hören wird man Entdeckungen machen. Diese Musik möchte man nicht mehr missen.

Anton Urspruch: Complete Piano Works. Ana-Marija Markovina. Hänssler classic, 2017.